Angelique Kerbers Tennisjahr: Momente für die Ewigkeit

Angelique Kerber

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Zwei Grand-Slam-Titel, olympisches Silber, Weltranglistenerste: Schon vor den WTA-Finals in Singapur am Sonntag hat Angelique Kerber 2016 deutsche Tennisgeschichte geschrieben. Ein Rückblick.

Im Leben eines Sportlers gibt es Momente, die darüber entscheiden, ob eine Karriere retrospektiv als erfolgreich oder unvollendet bezeichnet werden kann. Auch wenn sie auf den ersten Blick gar nicht so wichtig erscheinen. Als Angelique Kerber bei den Australian Open in der ersten Runde gegen die Japanerin Misaki Doi einen Matchball abwehren musste, konnte niemand ahnen, dass der folgende Aufschlag der wichtigste ihrer Karriere sein würde.

Tennis gehört zu den Sportarten, in denen Kleinigkeiten einen riesengroßen Unterschied machen können. Trifft man den Ball eine Hundertstelsekunde zu früh, landet er oft im Netz, trifft man ihn hingegen eine Hundertstelsekunde zu spät, geht er zumeist ins Aus. Kerber traf ihn perfekt, servierte ein Ass und zog wenig später in die zweite Runde ein. Von diesem Moment an fühlte sich die 28-Jährige bereit, wie sie sagte. Auf dem Weg ins Endspiel gab sie in Melbourne keinen weiteren Satz ab und bezwang dort Serena Williams in einem dramatischen Match.

Es war ihr erster Grand-Slam-Titel und der Start in eine spektakuläre Tennissaison. Kerber hatte vor dem Jahr mit dem Image zu kämpfen, in entscheidenden Momenten zu versagen. 2015 kam die Deutsche bei Major-Turnieren trotz ihres großen Potenzials nie über die dritte Runde hinaus. Ihr drohte eine Karriere ohne große Titel. Der Sieg in Australien befreite sie von dem Druck, der auf ihr lastete, die Nachfolgerin von Steffi Graf zu sein. Auch in Wimbledon und bei den Olympischen Spielen zog sie ins Finale ein.

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Viele Höhen, aber auch einige Tiefen prägten das Jahr

Der Triumph bei den US Open wenige Wochen nach der Silbermedaille in Rio krönte ihr Jahr, in dem keine Spielerin auf der Tour erfolgreicher war als die Deutsche (73 Spiele – 58 Siege). Der Sprung an die Weltranglistenspitze, den sie auch der Verletzungsanfälligkeit von Serena Williams zu verdanken hatte, war der vorläufige Höhepunkt – und historisch zugleich: Erstmals seit Graf übernahm wieder eine Deutsche die Weltranglistenführung.

Dennoch ist Kerber von jener “totalen Dominanz”, die häufig Serena Williams zugeschrieben wurde, weit entfernt. Kerber hatte gleich mehrere Formkrisen zu überstehen. Auf Sand, ihrem schwächsten Untergrund, gewann sie insgesamt nur vier Spiele (beim Sieg in Stuttgart). Bei der Asien-Tour schied Kerber in Wuhan, Peking und Hongkong frühzeitig aus. Die 28-Jährige wirkte zuletzt nach insgesamt 20 (!) gespielten Turnieren (Serena Williams spielte acht Turniere) müde.

Die WTA-Finals bilden den Abschluss einer beeindruckenden Saison. Zwar gilt das Turnier in Singapur im Vergleich zu den Grand-Slam-Turnieren als weniger prestigeträchtig. Dennoch will Kerber die Möglichkeit nutzen, einen weiteren Meilenstein zu setzen. Die Absage von Serena Williams hat ihre Chancen noch einmal erhöht. Als größte Konkurrenten gelten deshalb andere: Titelverteidigerin Agnieszka Radwanska, die zuletzt formstarke Rumänin Simona Halep und Karolina Pliskova.

Unabhängig vom Ausgang ist Kerber die Weltranglistenführung nicht mehr zu nehmen. Sie wird das Jahr so abschließen, wie sie es verdient: als beste Tennisspielerin der Welt.

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